Mental Load: Wer trägt die Verantwortung im Hintergrund?
beziehungsweise 5/2026 – Artikel 3
Mental Load: Wer trägt die Verantwortung im Hintergrund?
Neue Erkenntnisse zur Bedeutung und Aufteilung der unsichtbaren Sorgetätigkeiten in Familien
Von Eva-Maria Schmidt
Wer etwa das Abendessen kocht, leistet sichtbare Arbeit. Wer jedoch vorher antizipiert, dass ein Abendessen benötigt und gewünscht sein wird; wer bemerkt, dass Lebensmittel fehlen; wer den Einkauf einplant und übernimmt; wer die Essensgewohnheiten und -vorlieben aller Familienmitglieder kennt; wer verschiedene Optionen abwägt und sich darum sorgt, ob danach alle zufrieden und versorgt sind übernimmt die gedankliche Arbeit, und damit die mentalen Sorgetätigkeiten dahinter. Diese Tätigkeiten sind meist unsichtbar und eng mit Emotionen verknüpft: vom liebe- und freudvollen Umsorgen bis zum Sich-Sorgen-Machen.
Diese gedankliche und emotionale Arbeit ist unsichtbar, selten gut abgrenzbar und begleitet Menschen oft während Erwerbsarbeit, Freizeit oder sogar nachts beim Schlafen. Gerade deshalb werden mentale Sorgetätigkeiten oft zur Belastung – zum mentalen ‚Load‘. Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren, dass diese Form der Sorgearbeit häufig ungleich in Familien verteilt ist und überwiegend von Frauen übernommen wird (Daminger 2019; Dean, Churchill und Ruppanner 2022).
Eine aktuelle österreichweite Studie (Margotti 2026) bestätigt diese Befunde nicht nur, sondern macht auch erstmals sichtbar, wie eng mentale Sorgetätigkeiten mit gesellschaftlichen Erwartungen, Partnerschaftszufriedenheit, Gesundheit und Geschlechterrollen verbunden sind. Unter Mitarbeit des ÖIF wurde dazu eine Umfrage unter 1.579 Personen im Alter von 16 bis 75 Jahren durchgeführt, die nun erstmals – neben bestehenden Auswertungen zur Zeitverwendung der Österreicherinnen und Österreicher – einen umfassenden Einblick in die Verteilung gedanklicher Verantwortung in Österreich liefert.
Frauen tragen weiterhin den größeren Teil der gedanklichen Verantwortung
Die Ergebnisse der österreichischen Studie zeigen deutlich, dass mentales Versorgen und Umsorgen in den meisten Lebensbereichen stärker auf Frauen lastet. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede bei organisatorischen Aufgaben rund um Kinder, Haushalt und Familienalltag. So geben beispielsweise 40 % der Frauen mit Kindern an, alleine für das Wahrnehmen von Terminen in Schule oder Kindergarten verantwortlich zu sein. Unter den Männern liegt dieser Anteil bei lediglich 7 %.
Die Studie verdeutlicht ein Muster, das auch internationale Forschung beschreibt: Frauen fühlen sich eher verantwortlich für und kümmern sich häufiger um das Funktionieren des Familienalltags und planen, antizipieren und denken voraus, erinnern sich und überlegen, koordinieren und kontrollieren. Männer beteiligen sich an einzelnen konkreten Tätigkeiten, übernehmen jedoch häufiger klar abgegrenzte, sichtbare oder delegierte Aufgaben.
Bemerkenswert ist dabei, dass diese Aufgabenteilung von Frauen und Männern unterschiedlich bewertet wird. Während zwei Drittel der Frauen (66 %) die Verteilung der Aufgaben in Familie und Haushalt als fair empfinden, liegt dieser Anteil bei Männern sogar bei 87 %. Gleichzeitig geben 53 % der Frauen an, ihre Arbeit werde kaum wahrgenommen, und 47 % vermissen eine Anerkennung für ihre Leistungen.
Die Macht gesellschaftlicher Erwartungen
Die Studie verdeutlicht eindrücklich die Bedeutung verinnerlichter und geschlechtsspezifischer Erwartungen und Ansprüche. So sehen 61 % der Frauen die Hauptverantwortung für den Haushalt bei sich selbst. Bei Männern trifft dies lediglich auf 35 % zu. Ähnlich verhält es sich bei der Kinderbetreuung: 44 % der Frauen, aber nur 20 % der Männer erwarten von sich selbst, dafür die Hauptverantwortung zu übernehmen. 71 % der Befragten sind zudem der Meinung, dass Frauen besser in der Organisation besonderer Anlässe seien, und zwei Drittel (67 %) halten Frauen auch für besser geeignet, den Familienalltag zu organisieren.
Umgekehrt geben 62 % der Männer an, von sich selbst zu erwarten, die Familie finanziell abzusichern; unter Frauen beträgt dieser Anteil 42 %. Knapp sechs von zehn Männern (59 %) fühlen sich hauptsächlich dafür verantwortlich, dass ihr Erwerbseinkommen für die Familie ausreicht. Bei Frauen sind es 35 %. Zudem sehen sich 64 % der befragten Männer als kompetenter für Reparaturen und technische Aufgaben an.
Solche Zuschreibungen mögen auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Tatsächlich tragen sie jedoch dazu bei, dass bestimmte Verantwortlichkeiten als “natürlich” weiblich oder männlich wahrgenommen werden. Das ist nicht nur ein wichtiger Mechanismus in der Entstehung von Mental Load (Dean u. a. 2022; Schrammel 2022) sondern auch für die grundsätzlich geschlechtsspezifische Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit mit all ihren Konsequenzen.
Wenn unsichtbare Arbeit Beziehungen und Gesundheit belastet
Wenn mentale und emotionale Sorgetätigkeiten zu ‚Mental Load‘ werden, beeinflusst das nicht nur die Aufgabenverteilung, sondern auch die Qualität von Partnerschaften. Die österreichische Studie zeigt zwar, dass viele Paare ihre Aufteilung grundsätzlich als fair bewerten. Gleichzeitig stimmt jedoch rund ein Drittel der Befragten zu, dass die Verteilung der Alltagsverantwortung zu Konflikten führt. Ebenso viele berichten, dass fehlende Anerkennung für unsichtbare Arbeit ihre Partnerschaft belastet.
Besonders eindrücklich sind die Ergebnisse zu den gesundheitlichen Folgen. Rund jede fünfte Person in Österreich fühlt sich durch Alltagsaufgaben stark belastet. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer (25 % gegenüber 14 %). Besonders belastet zeigt sich die Generation der 30- bis 45-Jährigen: Drei von zehn Personen dieser Altersgruppe berichten von hoher Alltagsbelastung. Knapp ein Drittel der Befragten sehnt sich mehrmals pro Woche danach, sich um nichts kümmern zu müssen (31 %). Fast ebenso viele fühlen sich erschöpft, obwohl sie subjektiv “gar nicht so viel gemacht” haben (30 %). Gerade dieses Gefühl gilt als typisches Merkmal von Mental Load: Die Anstrengung entsteht nicht nur durch sichtbare Tätigkeiten, sondern durch das permanente, aber oft unbewusste Mitdenken im Hintergrund.
Mental Load betrifft nicht nur den Alltag mit Kindern
Besonders deutlich zeigt sich die Belastung auch bei pflegenden Angehörigen. Mehr als die Hälfte (59 %) denkt selbst dann an die Pflegesituation, wenn gerade keine aktive Pflege stattfindet. 54 % fühlen oder fühlten sich häufig allein gelassen. Bei 53 % hatte die Pflegeverantwortung Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit. Diese Zahlen verdeutlichen, dass mentale Sorgetätigkeiten und die damit einhergehende potenzielle Belastung nicht auf Elternschaft beschränkt sind. Überall dort, wo Menschen dauerhaft Verantwortung für andere übernehmen, entstehen ähnliche mentale Belastungen.
Sichtbar machen, um verändern zu können
Die vorliegende Studie zeigt für Österreich, dass mental-emotionale Sorgetätigkeiten und Belastungen nicht allein individuelle Erfahrungen einzelner Personen oder private Herausforderungen einzelner Familien sind. Vielmehr spiegeln sich darin gesellschaftliche Erwartungen, traditionelle Rollenbilder und strukturelle Rahmenbedingungen wider.
Entlastung kann daher nicht nur durch individuelle Strategien erreicht werden. Von den Befragten werden vor allem flexible Arbeitszeiten, mehr Möglichkeiten für Homeoffice sowie die Option, Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen, als hilfreiche Maßnahmen genannt. Über mentale und emotionale Sorgetätigkeiten zu sprechen und die Belastungen sichtbar zu machen, ist daher ein wichtiger erster Schritt. Denn erst, wenn diese unsichtbare, aber notwendige Sorgearbeit als eigenständige Leistung anerkannt wird, kann sie auch gerechter verteilt werden.
Kontakt: eva-maria.schmidt(at)oif.ac.at
Zur Autorin
PD Dr. Eva-Maria Schmidt ist Soziologin, Senior Researcher und stellvertretende wissenschaftliche Direktorin des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien.
Literatur
Daminger, Allison (2019): The Ccgnitive dimension of household labor. In: American Sociological Review 84 (4), S. 609–633. DOI: 10.1177/0003122419859007
Dean, Liz; Churchill, Brendan; Ruppanner, Leah (2022): The Mental Load: Building a deeper theoretical understanding of how cognitive and emotional labor overload women and mothers. In: Community, Work & Family 25 (1), S. 13–29. DOI: 10.1080/13668803.2021.2002813
Margotti, Sabrina (2026): Mental Load & Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ergebnisbericht für die Studie im Auftrag von BIPA. Wien: Marketagent.
Schrammel, Barbara (2022): Mental-Load: Ein psychodramatischer Blick auf die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. In: Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 21 (2), S. 369–379. DOI: 10.1007/s11620-022-00690-9