Kinder und kulturelle Teilhabe
beziehungsweise 5/2026 – Artikel 2
Kinder und kulturelle Teilhabe
Eine kausale Analyse mit Daten des Deutschen Sozio-oekonomischen Panels
Von Hendrik Sonnabend und Matthias Westphal
Kulturelle Teilhabe ist mehr als Freizeit: Sie stiftet Zugehörigkeit, schafft Begegnung und kann Wohlbefinden fördern. Gerade deshalb ist es wichtig zu wissen, wie sich Familiengründung und -größe auf kulturelle Aktivitäten von Eltern auswirken. Unsere Studie untersucht, ob und wie Kinder die Teilnahme an Kunst, Kulturveranstaltungen, Populärkultur und Sport verändern. Die zentrale Botschaft lautet: Vor allem das erste Kind verändert den Alltag tiefgreifend und reduziert kulturelle Teilhabe deutlich.
Warum Kultur zählt
Kulturelle Aktivitäten sind ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Integration. Sie verbinden Menschen durch gemeinsame Erfahrungen, geteilte und neu geschaffene Werte sowie durch die gemeinsame Nutzung kultureller Orte. Entsprechend betonen nationale wie internationale kulturpolitische Programme die Bedeutung kultureller Bildung für die kognitive, emotionale, ästhetische und soziale Entwicklung – insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Zudem weist Forschung auf den positiven Zusammenhang zwischen kulturellen Aktivitäten beziehungsweise künstlerischer Betätigung und dem individuellen Wohlbefinden hin (u.a. Giovanis 2021). Wenn bestimmte Lebensphasen den Zugang zu Kultur erschweren, kann dies daher nicht nur die individuelle Freizeitgestaltung, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe und soziale Einbindung betreffen.
Bisherige Studien haben sich vor allem damit beschäftigt, wie Eltern die kulturelle Teilhabe ihrer Kinder prägen. Deutlich weniger ist darüber bekannt, wie sich Elternschaft selbst auf die kulturelle Teilhabe der Eltern auswirkt. Genau hier setzt unsere Studie an (Sonnabend & Westphal 2026). Sie ist die erste, die quasi-experimentelle Methoden verwendet und diesen Zusammenhang deshalb kausal interpretieren kann.
Daten und Methode
Die Analyse nutzt Längsschnittdaten des Deutschen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Im SOEP werden Personen und Haushalte über viele Jahre hinweg begleitet, es enthält Informationen zu Familienbiografien und Freizeitaktivitäten. Wir konzentrieren uns auf vier Bereiche: eigene künstlerische und musikalische Aktivitäten, Besuche von Opern, klassischen Konzerten, Theateraufführungen oder Ausstellungen, Besuche von Kinos, Popkonzerten, Tanzveranstaltungen oder Clubs sowie aktive sportliche Betätigung.
Um nicht nur Korrelationen, sondern möglichst kausale Effekte zu schätzen, kombiniert die Studie drei Ansätze im Sinne natürlicher Experimente. Erstens werden Eltern vor und nach der Geburt des ersten Kindes miteinander verglichen. Zweitens werden Zwillingsgeburten als quasi-zufällige Erhöhung der Kinderzahl genutzt. Drittens macht sich die Studie die verbreitete Präferenz für gemischtgeschlechtliche Geschwisterkonstellationen zunutze: Eltern, deren erste beiden Kinder dasselbe Geschlecht haben, entscheiden sich im Durchschnitt häufiger für ein drittes Kind. Da das Geschlecht der Kinder weitgehend zufällig bestimmt ist und nicht direkt von den Eltern beeinflusst werden kann, lässt sich die Gleichgeschlechtlichkeit der ersten beiden Kinder ebenfalls als natürliches Experiment nutzen. Diese drei Strategien erfassen unterschiedliche Übergänge in der Familiengröße und ergänzen sich daher gegenseitig.
Das erste Kind
Das deutlichste Ergebnis betrifft den Übergang zur Elternschaft. Verglichen mit dem Teilnahmeniveau von Personen, die zu diesem Zeitpunkt noch kein Kind bekommen hatten, sinkt die kulturelle Teilhabe von Müttern und Vätern mit der Geburt des ersten Kindes deutlich. Abbildung 1 zeigt diese Entwicklung im Zeitverlauf. Das Geburtsjahr des ersten Kindes ist als Jahr 0 markiert. Alle Punkte sind Abweichungen relativ zum Referenzjahr zwei Jahre vor der Geburt. Der Rückgang zeigt sich in allen untersuchten Bereichen. Besonders stark betroffen sind Aktivitäten, die Paare häufig gemeinsam unternehmen, etwa der Besuch von Kulturveranstaltungen. Auch Besuche von klassischen Kulturangeboten und sportliche Aktivitäten nehmen spürbar ab. Wir sehen zudem, dass selbst künstlerische und musikalische Eigenaktivitäten, die theoretisch stärker zu Hause möglich wären, zurückgehen.
In den ersten Jahren nach der Geburt ist der Rückgang besonders stark. Danach nimmt die Teilnahme zwar langsam wieder zu, erreicht aber auch zehn Jahre nach der Geburt nicht wieder das frühere Niveau. Wichtig ist außerdem: Vor der Geburt zeigen sich keine Hinweise auf einen systematischen Rückgang der kulturellen Teilhabe. Das spricht dafür, dass der Einbruch nach der Geburt tatsächlich mit dem Übergang zur Elternschaft zusammenhängt und nicht lediglich eine Entwicklung fortsetzt, die schon vorher begonnen hatte.
Je nach Aktivität und Elternteil beziffern wir durchschnittliche Rückgänge zwischen 13 und 54 Prozent. Dabei zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede: Mütter erleben in den ersten Jahren nach der Geburt besonders starke Einbrüche. Väter sind dagegen stärker an der Teilnahmeschwelle betroffen: Entscheidend ist hier vor allem, ob sie überhaupt noch einer der betrachteten Aktivitäten nachgehen.
Abbildung 1: Die Geburt des ersten Kindes und kulturelle Teilhabe
Quelle: Sonnabend & Westphal 2026
Zeit statt Geld
Ein naheliegender Grund für den Rückgang ist Zeitknappheit. Die Daten zeigen, dass die für Kinderbetreuung aufgewendete Zeit nach der Geburt des Kindes am Wochenende stark zunimmt. Bei Müttern steigt zusätzlich die Zeit für Hausarbeit deutlich stärker als bei Vätern. Zugleich reduzieren Mütter ihre Erwerbsarbeitszeit nach der Geburt massiv, während sich die Arbeitszeit von Vätern kaum verändert.
Die Studie findet jedoch keine klaren Hinweise darauf, dass Eltern mit höherem Haushaltseinkommen weniger stark betroffen sind. Das spricht dafür, dass nicht in erster Linie finanzielle Hürden den Rückgang erklären. Wichtiger scheint die Neuverteilung von Zeit im Familienalltag zu sein: Kulturangebote finden häufig zu festen Zeiten statt und setzen Planbarkeit, Mobilität und Betreuungsalternativen voraus. Gerade in den ersten Jahren nach der Geburt sind diese Voraussetzungen oft nur eingeschränkt gegeben.
Weitere Kinder
Beim zweiten und dritten Kind zeigt sich ein anderes Bild: Zusätzliche Kinder führen nicht durchgehend zu weiteren starken Rückgängen kultureller Teilhabe. Beim zweiten Kind sind die Effekte gemischt und häufig statistisch nicht eindeutig. Beim dritten Kind finden sich je nach Methode allenfalls schwache negative, teils sogar positive Effekte. Das deutet darauf hin, dass der Übergang in die Elternschaft selbst der entscheidende Einschnitt ist: Wer bereits Elternteil ist, hat den Alltag oft schon an Kinderbetreuung, Familienlogistik und veränderte Freizeit angepasst.
Politische Bedeutung
Die Ergebnisse sind für Familien-, Kultur- und Kommunalpolitik relevant. Wenn kulturelle Teilhabe gesellschaftlich erwünscht ist, sollten junge Eltern nicht unbeabsichtigt aus kulturellen Räumen herausfallen.
Besonders wichtig sind daher niedrigschwellige Angebote im ersten Lebensjahr des Kindes und in der frühen Elternschaft. Dazu können babyfreundliche Kulturformate, flexible Anfangszeiten, familienfreundliche Preisgestaltung und Kinderbetreuung an Veranstaltungsorten gehören. Solche Angebote können nicht nur Kulturzugang sichern, sondern auch soziale Kontakte in einer Lebensphase stärken, die für manche Eltern mit Einsamkeit und Belastung verbunden ist.
Unsere Studie zeigt, dass Familiengründung ein kultureller Wendepunkt ist. Zwar muss Elternschaft nicht zu kulturellem Rückzug führen, aber ohne passende Rahmenbedingungen wird kulturelle Teilhabe deutlich schwieriger. Eine familienfreundliche Kulturpolitik sollte deshalb nicht erst bei Kindern ansetzen, sondern auch bei den Eltern.
Künstlerische Aktivitäten
Hochkultur
Populärkultur
Sport
Zu den Autoren
Hendrik Sonnabend ist Privatdozent am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Internationale Ökonomie, an der FernUniversität in Hagen.
Matthias Westphal ist Professor am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der FernUniversität in Hagen und außerdem mit dem RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sowie dem IZA@LISER Network verbunden.
Literatur
Giovanis, Eleftherios (2021): Participation in socio-cultural activities and subjective well-being of natives and migrants: Evidence from Germany and the UK. In: International Review of Economics 68 (4), S. 423–463.
Sonnabend, Hendrik; Westphal, Matthias (2026): Family first: the causal effect of family size on cultural participation. In: Journal of Cultural Economics. DOI: 10.1007/s10824-026-09597-x
KI-Hinweis
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