Mythos Wahlfreiheit?
beziehungsweise 4/2026 – Artikel 2
Mythos Wahlfreiheit?
Wie Kinderbetreuungspolitik in Österreich sozialer Nachhaltigkeit im Wege steht
Von Eva-Maria Schmidt und Fabienne Décieux
Der Beschluss und die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs – Sustainable Development Goals) stellt Wohlfahrtsstaaten vor die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit, Geschlechtergleichstellung und Bildungschancen zu verbessern. Dabei rückt zunehmend ein bislang vernachlässigter Bereich in den Fokus: Care – also Sorgetätigkeiten – als Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Nachhaltigkeit (Boström 2012). Das menschliche Wohlergehen und die Würde sind eng mit der Grundbedingung des Menschseins verbunden, nämlich, verletzlich und – einmal mehr, einmal weniger – auf Fürsorge und Versorgung durch andere angewiesen zu sein. Das Konzept von Care umfasst dabei alle Tätigkeiten, die notwendig sind, um Leben zu erhalten und zu reproduzieren – von der Betreuung von kleinen Kindern bis zur Pflege kranker und alternder Menschen (Tronto 2013). In kapitalistischen Systemen sind Care und Reproduktion strukturell getrennt von und weniger wert als Erwerbstätigkeit und Produktion, geschlechtsspezifisch ungleich verteilt und außerdem oft unsichtbar (Aulenbacher und Dammayr 2014).
In unserer Analyse (Décieux und Schmidt, voraussichtlich 2027) fokussieren wir auf die Versorgung und Betreuung von Kleinkindern in Österreich und auf damit zusammenhängende Vorstellungen und Politiken. Analysiert wird, ob diese als sozial nachhaltig bewertet werden können. Soziale Nachhaltigkeit ist nach Boström (2012) dann gegeben, wenn die Rahmenbedingungen Menschen ein dauerhaft gutes und gerechtes Leben ermöglichen, Belastungen umverteilt und Gleichheit erreicht wird.
Österreichs “Wohlfahrtsmix” und “Wahlfreiheit”
Im Fokus stehen dabei zwei Regelungen und parallele Strategien der österreichischen Kleinkinderbetreuungspolitik: erstens die Elternkarenz (beziehungsweise das damit flexibel kombinierbare Kinderbetreuungsgeld), die eine vergleichsweise lange Betreuung von Kindern in der Familie unterstützt und daher als familialisierende Politik eingestuft werden kann, und zweitens den Ausbau an Einrichtungen der Elementarbildung und institutioneller Kinderbetreuung, der ermöglichen soll, dass Kinder in Institutionen betreut werden können und daher eine defamilialisierende Politik darstellt. Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Stränge und dieser “Wohlfahrtsmix” sind für Österreich charakteristisch.
Beide Stränge sollen entsprechend mehreren Nachhaltigkeitszielen zu einer höheren Erwerbstätigkeit von Frauen und Gleichstellung zwischen Geschlechtern (SDG5), sowie zu mehr Bildungsgerechtigkeit (SDG4 und SDG10) und verringerter Familien- und Kinderarmut (SDG1 und SDG3) führen. Sie reagieren aber auch auf sinkende Kinderwünsche und Geburtenzahlen. Die Gleichzeitigkeit beider Maßnahmen wird politisch unter dem Schlagwort der “Wahlfreiheit” legitimiert: Personen mit Kindern sollen individuell entscheiden können, wie sie Erwerbs- und Sorgearbeit aufteilen. Dieses Leitbild ist daher auch eng mit neoliberalen Vorstellungen verknüpft, die Individuen als autonome, rational entscheidende Akteure verstehen – und ihnen ebenso die Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen zuschreiben (Lessenich 2013).
Institutionelle Kinderbetreuung: Ausbau mit Grenzen
Trotz vieler Fortschritte bestehen bezüglich der Erreichung dieser Ziele noch erhebliche Defizite: Beispielsweise ist die institutionelle Kinderbetreuung insbesondere für null- bis zweijährige Kinder für eine tatsächliche Wahlfreiheit der Eltern nur unzureichend verfügbar. In den bestehenden Einrichtungen werden die Qualität und der Bildungsauftrag durch den Mangel an qualifiziertem Personal und durch den oft nicht ausreichenden Personalschlüssel beeinträchtigt. Auch die Vereinbarkeit mit einer Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile ist in den bestehenden Einrichtungen nur begrenzt möglich: Von allen institutionell betreuten unter Dreijährigen – das sind durchschnittlich 37 Prozent – besuchten etwa 63 Prozent derartige Institutionen (Kaindl und Schipfer 2025). Die Investitionen in die institutionelle Kinderbetreuungsinfrastruktur liegen außerdem unterhalb der OECD-Empfehlung von 1 Prozent des BIP. Hinzu kommen normative Leitvorstellungen in Österreich, wie die weitverbreitete Überzeugung, dass Kinder und das Familienleben leiden würden, wenn die Mütter – und nicht Väter – erwerbstätig und die Kinder daher in „Fremdbetreuung“ sind. Auch dies beeinflusst die Nutzung institutioneller Betreuung: Der überwiegende Anteil der nicht- oder teilzeiterwerbstätigen Mütter möchte das Kind selbst betreuen, selbst wenn das Angebot vorhanden ist. Europavergleichende Studien zeigen außerdem, dass soziale Ungleichheiten aufgrund all dieser Rahmenbedingungen bestehen bleiben oder sogar zunehmen, und besser gestellte Familien stärker von Bildungseinrichtungen profitieren (van Lancker 2018).
Elternkarenz: Flexibilität ohne Gleichstellung
Das österreichische System ermöglicht Eltern im Europavergleich eine besonders lange und flexibel nutzbare Karenzphase. Zum einen schützt die arbeitsrechtliche Elternkarenz bis zu 24 Monate lang vor Kündigung, wenn zwei Monate davon der zweite Elternteil nutzt; zum anderen bietet das Kinderbetreuungsgeld entkoppelt von der Dauer der Elternkarenz beinahe 500 verschiedene Möglichkeiten, dass die Zeit der Erwerbsunterbrechung finanziell unterstützt und entgolten wird. Im Gesetzestext geschlechtsneutral gestaltet, fokussiert dieses flexible System also auf individuelle Wahlmöglichkeiten und freie Entscheidungen der Familie. Die tatsächliche Nutzung spiegelt daher auch die stark geschlechtsspezifischen, normativen Erwartungen wider: Die Väterquoten beim Kinderbetreuungsgeld stagnieren bei circa 15 Prozent aller Familien; Mütter beziehen durchschnittlich über 95 Prozent dieser Geldleistung. Danach bleibt bis zur Volljährigkeit des jüngsten Kindes die Teilzeiterwerbstätigkeit das verbreitetste Erwerbsausmaß unter Müttern, während Väter durchgängig und überwiegend in Vollzeit erwerbstätig sind. Diese Arrangements verstärken langfristig Einkommens-, Pensions-, Unterhalts- und Vermögensunterschiede zwischen den Geschlechtern.
Die vermeintliche Wahlfreiheit
Diese Ergebnisse zeigen daher, dass “Wahlfreiheit” nur scheinbar tatsächlich gegeben und nicht neutral ist. Problematisch ist vor allem, dass das Leitbild blind gegenüber sozialen Ungleichheiten ist und Widersprüchlichkeiten zwischen neoliberalen Anforderungen und persistenten Elternschafts- sowie Geschlechternormen nicht strukturell löst. Mütter und Väter werden zwar als autonome, informierte und frei Entscheidende konstruiert, aber gleichzeitig wird ihnen auch die Verantwortung für jegliche Konsequenzen aus diesen Entscheidungen individuell zugeschrieben, auch langfristig.
Weil das Konzept der Wahlfreiheit auch strukturelle Rahmenbedingungen und Lücken wie unzureichende Elementarbildungseinrichtungen in Bezug auf deren Verfügbarkeit und Qualität, ungleiche Arbeitsmarktchancen oder die Armutsgefährdung von Frauen und Kindern ausblendet, müssen Personen mit Kindern diese Lücken individuell kompensieren bzw. die Konsequenzen aus ihren Entscheidungen selbst verantworten. Auch die markant ungleiche Bewertung und Sichtbarkeit von Sorgetätigkeiten und Erwerbstätigkeit bleibt unangetastet. Wahlfreiheit stabilisiert so bestehende Ungleichheiten.
Fazit: Begrenzte soziale Nachhaltigkeit
Das österreichische System der frühkindlichen Betreuung erweist sich daher auch als sozial nicht nachhaltig, weil es erstens Ungleichheiten zwischen Geschlechtern reproduziert, zweitens soziale Ungleichheiten innerhalb von Familien und Kindern nicht reduziert, sowie drittens Sorgetätigkeiten weiterhin strukturell abwertet. Zwar besitzen sowohl das System der Elementarbildungseinrichtungen als auch die Regelungen rund um die Elternkarenz grundsätzlich Potenzial für mehr Gleichstellung und soziale Nachhaltigkeit. Dieses wird jedoch durch dominante, aber nicht thematisierte kulturelle Leitbilder und institutionelle Rahmenbedingungen nicht ausgeschöpft. Für ein sozial nachhaltigeres System wäre ein Wechsel in den Zielsetzungen und Leitvorstellungen notwendig, nämlich von der individualisierten Wahlfreiheit hin zu einer politikgestützten gerechten Organisation und gesamtgesellschaftlichen Anerkennung von Sorgetätigkeiten, die für eine funktionierende Gesellschaft unerlässlich sind.
Kontakt: eva-maria.schmidt(at)oif.ac.at
Zu den Autorinnen
Dr. Fabienne Décieux ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck, wo sie im Forschungsbereich “Dynamiken von Arbeit, Care und Gender” tätig ist.
PD Dr. Eva-Maria Schmidt ist Senior Researcher und stellvertretende wissenschaftliche Direktorin am Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien.
Literatur
Aulenbacher, Brigitte; Dammayr, Maria (2014): Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Zur Ganzheitlichkeit und Rationalisierung des Sorgens und der Sorgearbeit. In: Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf und Hildegard Theobald (Hg.): Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime. (Soziale Welt, Sonderband 20). Baden-Baden: Nomos-Verlag, S. 125–140. DOI: 10.5771/9783845255545_129
Boström, Magnus (2012): A missing pillar? Challenges in theorizing and practicing social sustainability: introduction to the special issue. In: Sustainability: Science, Practice and Policy 8 (1), S. 3–14. DOI: 10.1080/15487733.2012.11908080
Décieux, Fabienne; Schmidt, Eva-Maria (voraussichtlich 2027): Freedom of choice as a way towards social sustainability? Inequalities and individualisation in the case of early childcare. In: Koslowski, Alison; Duvander, Ann-Zofie; Doucet, Andrea (Hg.): Caring for the Future: Parental leave and the path to sustainability. London: UCL Press.
Kaindl, Markus; Schipfer, Rudolf Karl (2025): Familien in Zahlen 2025: Statistische Informationen zu Familien in Österreich. Wien: ÖIF. DOI: 10.25365/phaidra.755
Lessenich, Stephan (2013): Die Neuerfindung des Sozialen: Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. 3. unver. Aufl. (X-Texte zu Kultur und Gesellschaft). Bielefeld: transcript. DOI: 10.14361/9783839407462
Tronto, Joan C. (2013): Caring democracy: Markets, equality, and justice. New York: NY Univ. Press.
Van Lancker, Wim (2018): Reducing inequality in childcare service use across European Countries: What (if any) Is the role of Social Spending? In: Social Policy & Administration 52 (1), S. 271–292. DOI: 10.1111/spol.12311
Der Artikel basiert auf dem vsl. im Jahr 2027 erscheinenden Buchkapitel von Schmidt und Décieux: Freedom of choice as a way towards social sustainability? Inequalities and individualisation in the case of early childcare. In Koslowski, Alison; Duvander, Ann-Zofie; Doucet, Andrea (Hg.): Caring for the Future: Parental leave and the path to sustainability. London: UCL Press.