Das Geburtenbarometer
beziehungsweise 4/2026 – Artikel 3
Das Geburtenbarometer
Neue Daten zu Fertilität in Österreich
Von Kryštof Zeman und Caroline Berghammer
Das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht seit 2005 das Geburtenbarometer (www.birthbarometer.at/de), die umfassendste und detaillierteste Analyse von Fertilitätstrends in Österreich. Kürzlich wurde das Geburtenbarometer mit Daten bis zum Jahr 2024 aktualisiert und zugleich thematisch erweitert.
Seit der COVID-19-Pandemie sowie der darauffolgenden Phase hoher Inflation und steigender Lebenshaltungskosten ist die Geburtenrate in Österreich – wie auch in den anderen europäischen Ländern – deutlich zurückgegangen und erreichte zuletzt einen historischen Tiefstand. Vor diesem Hintergrund gewann die Analyse des Geburtenverhaltens an Aktualität und gesellschaftlicher Relevanz, liefert sie doch die Grundlage dafür, den Geburtenrückgang besser zu verstehen.
Das Geburtenbarometer geht deutlich über die üblichen Fertilitätsindikatoren – wie die Gesamtfertilitätsrate – hinaus und bietet eine Reihe vertiefter Kennzahlen. Dazu zählt die “Durchschnittliche Periodenparität”, die neben der Altersstruktur der Frauen auch die Anzahl der bereits geborenen Kinder berücksichtigt und daher die durchschnittliche Kinderzahl zuverlässiger abbildet als die Gesamtfertilitätsrate. Darüber hinaus enthält das Geburtenbarometer monatliche Daten, durch die sich präziser bestimmen lässt, wann Geburtenraten zu steigen oder zu sinken beginnen. Das Geburtenbarometer kann somit detailliert aufzeigen, wie das Geburtenverhalten auf wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Schocks – beispielsweise die COVID-19-Pandemie – sowie auf familienpolitische Maßnahmen reagiert. Die im Geburtenbarometer ausgewiesenen Fertilitätsindikatoren basieren auf Daten des Geburtenregisters der Statistik Austria sowie auf den Mikrozensus-Erhebungen.
Das Geburtenbarometer beinhaltet acht thematische Kapitel: Hauptergebnisse, Timing der Fertilität, Fertilität in Wien, Kohortenfertilität, Fertilität von Migrant:innen, Fertilität der Männer, Fertilität während COVID-19 und Kinderwunsch (siehe Abbildung 1). Diese Kapitel stehen in Form kommentierter Grafiken als PDF-Dateien zur Verfügung. Die zugrunde liegenden Daten können in einer Excel-Datei heruntergeladen werden. Das Format und der Stil des Geburtenbarometers sind populärwissenschaftlich und richten sich an die breite Öffentlichkeit, Journalist:innen und Studierende.
Ausgewählte Ergebnisse des Geburtenbarometers:
- Immer mehr junge Menschen wollen kinderlos bleiben. Die Daten zeigen, dass 18 Prozent der 20- bis 29-jährigen Frauen sich keine Kinder wünschen. Mitte der 1980er-Jahre lag dieser Anteil noch bei lediglich 6 Prozent. Zu dieser Entwicklung haben unter anderem steigende ökonomische Unsicherheiten, alternative Lebensentwürfe und -ziele, Sorgen über die Zukunft (etwa den Klimawandel) und Schwierigkeiten beim Eingehen von Partnerschaften beigetragen.
- Kinderlosigkeit ist in Österreich vergleichsweise hoch. Unter Frauen, die im Jahr 1980 geboren wurden, blieben fast 20 Prozent kinderlos (siehe Abbildung 2) und dieser Anteil wird laut Prognosen bei den nach 1990 geborenen Frauen auf 25 Prozent steigen. Eine wichtige Ursache für die hohe Kinderlosigkeit sind die nach wie vor bestehenden Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zum Beispiel der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen oder die geringe Inanspruchnahme von Väterkarenz. Diese Rahmenbedingungen führen häufig dazu, dass Frauen sich entscheiden müssen: Kinder oder Karriere?
- Zwei-Kind-Familien bleiben das dominierende Familienmodell. Fast 40 Prozent der Frauen haben zwei Kinder. Dieser Anteil ist unter Frauen, die zwischen 1950 und 1980 geboren wurden, bemerkenswert stabil geblieben (siehe Abbildung 2). Diese Stabilität verdeutlicht die weiterhin große Bedeutung der Zwei-Kind-Norm. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder mit Geschwistern aufwachsen und nehmen Familien mit zwei Kindern als ausgewogene und ideale Familiengröße wahr.
Abbildung 2: Beispiel aus dem Geburtenbarometer (Kapitel zu Kohortenfertilität)
- Teenager werden kaum mehr Mütter. Der Anteil der Teenager-Geburten fiel von 10 Prozent im Jahr 1984 auf 1 Prozent im Jahr 2024. Dieser auch international beobachtbare Trend ist auf eine bessere Aufklärung, einen leichteren Zugang zu Verhütungsmitteln sowie auf veränderte Lebensentwürfe zurückzuführen, bei denen Ausbildung und berufliche Perspektiven für junge Frauen stärker im Vordergrund stehen.
- Väter sind im Durchschnitt um drei Jahre älter als Mütter. Allerdings variiert der paarspezifische Altersunterschied zwischen Müttern und Vätern je nach Alter. Während junge Eltern meist ähnlich alt sind, wird die Alterslücke ab 30 größer: 40-jährige Väter haben im Schnitt Partnerinnen, die 35 Jahre alt sind.
- Manche Trends haben sich im Zeitverlauf verlangsamt oder sogar umgekehrt. Der langjährige Anstieg der Geburten bei Frauen ab 40 Jahren hat sich zuletzt stabilisiert. Der Anteil der unehelichen Erstgeburten erreichte seinen Höchststand im Jahr 2012 mit 53 Prozent und ging auf 46 Prozent im Jahr 2024 zurück.
Weitere Informationen zum Inhalt der einzelnen Kapitel:
- Hauptergebnisse: Überblick über die Fertilitätstrends in Österreich seit 1951, mit besonders ausführlicher Betrachtung der aktuellen Perioden.
- Timing der Fertilität: In welchem Alter bekommen Frauen ihr erstes Kind und ihre weiteren Kinder? Dieses Kapitel untersucht den Zeitpunkt der Geburten und dokumentiert die Verschiebung von Geburten in ein höheres Gebäralter.
- Fertilität in Wien: Ist Wien anders? Das Kapitel richtet den Fokus auf Fertilitätstrends in Wien und zeigt, wie sich Fertilitätsniveau und Timing der Geburten zwischen Wien und ganz Österreich unterscheiden.
- Kohortenfertilität: Wie viele Kinder bekommen Frauen verschiedener Geburtenjahrgänge? Wie viele Frauen blieben kinderlos und wie viele haben zwei oder mehr Kinder? Dieses Kapitel untersucht die endgültige Kinderzahl und Familiengröße aus der Perspektive der Kohorten (Generationen).
- Fertilität von Migrantinnen: Wie unterscheiden sich Fertilitätsraten von Frauen, die in Österreich geboren wurden, und jenen, die im Ausland geboren wurden? Dieses Kapitel betrachtet Geburten von im Ausland geborenen Frauen nach Herkunftsland, einschließlich der Fertilität von Migrantinnen aus Syrien, Afghanistan oder der Ukraine.
- Fertilität der Männer: Haben Männer höhere oder niedrigere Fertilitätsraten als Frauen? Bekommen sie ihre Kinder in einem späteren Alter? Dieses Kapitel umfasst Fertilitätstrends von Männern, einschließlich Altersunterschiede zwischen Vätern und Müttern.
- Fertilität während COVID: Wie haben sich die COVID-19 Pandemie und die nachfolgenden Krisen auf Fertilitätsraten ausgewirkt? Dieses Kapitel analysiert monatliche Fertilitätsindikatoren und zeigt die Schwankungen der Geburten im Zeitraum 2018–2024.
- Kinderwunsch: Wie viele Kinder wünschen sich Frauen und Männer und wie verändert sich dies über die Zeit hinweg und nach Altersgruppen? Wie viele Menschen wollen kinderlos bleiben? Dieses Kapitel betrachtet den Kinderwunsch auf Basis der Österreichischen Mikrozensuserhebungen von 1986 bis 2021.
Kontakt: caroline.berghammer(at)oeaw.ac.at
Zu den Autor:innen
Dr. Kryštof Zeman arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der Fertilität, insbesondere in Verbindung mit Fertilitätsdatenbanken wie der Human Fertility Database (www.humanfertility.org), dem Geburtenbarometer und dem European Demographic Datasheet (www.populationeurope.org).
Dr. Caroline Berghammer ist Forschungsgruppenleiterin am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie forscht zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, zu Familienformen und Partnerschaften, zu Fertilität und Kinderwünschen sowie zu sozialen Ungleichheiten im Familienverhalten.
Literatur
Zeman, Kryštof; Sobotka, Tomáš; Gisser, Richard; Winkler-Dworak, Maria; Berghammer, Caroline; Riederer, Bernhard (2026): Birth Barometer: Monitoring Fertility in Austria. Vienna Institute of Demography. Verfügbar unter www.birthbarometer.at/de