Senken soziale Vergleiche die Geburtenrate?
beziehungsweise 3/2026 – Artikel 2
Senken soziale Vergleiche die Geburtenrate?
Eine theoretische Untersuchung mit empirischer Evidenz
Von Michèle Tertilt und Lukas Mahler
Wenn Eltern die Bildungserfolge ihrer Kinder mit denen anderer Kinder vergleichen, kann dies zu hohen privaten Ausgaben für Bildung führen, wie beispielsweise außerschulischen Privatunterricht und Vorbereitungskurse auf standardisierte Tests. Dadurch werden Kinder sowohl teuer als auch zeitaufwendig, was die Geburtenrate senkt. Die zunehmende Sichtbarkeit elterlichen Handelns – etwa durch soziale Medien, Peer-Netzwerke und sich wandelnde kulturelle Erwartungen – befördert diesen sozialen Vergleich und verstärkt den Druck, die Bildungsinvestitionen anderer zu übertreffen. Auch der begrenzte Zugang zu selektiven Hochschulen befeuert diesen teuren Bildungswettbewerb, der möglicherweise zum Rekordtief der globalen Fertilitätsraten beiträgt.
Entwicklungen der Fertilität seit dem 20. Jahrhundert
Während des 20. Jahrhunderts hat zumeist die Sorge um Überbevölkerung politische Debatten dominiert. Im Jahr 1980 waren zum Beispiel noch 80 % der Länder oberhalb des Reproduktionsniveaus von ungefähr 2,1 Kindern pro Frau und die durchschnittliche globale Fertilitätsrate lag bei vier Kindern pro Frau. Dieser Trend sollte sich allerdings nicht fortsetzen. Die globale Fertilitätsrate liegt nur noch wenig oberhalb des Reproduktionsniveaus. Dieser Effekt wurde durch die COVID-19 Pandemie noch einmal bestärkt. Allein im letzten Jahr ist die Geburtenrate in über 80 % aller Länder gefallen. Allerdings sind die Trends in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Fokussiert man sich auf reiche Länder, dann sieht man einen deutlichen Rückgang der Geburtenraten, insbesondere in den USA, Chile, Singapur und Südkorea. In anderen Ländern wie Italien, Spanien und Japan hingegen waren die Geburtenraten in den letzten 20 Jahren recht konstant auf niedrigem Niveau. Länder wie Deutschland, Österreich und Ungarn konnten wiederum einen leichten Anstieg über denselben Zeitraum verzeichnen.
Der drastische Rückgang der weltweiten Geburtenrate gibt Anlass zur Sorge hinsichtlich der Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme, insbesondere der gesetzlichen Rentenversicherung. Auch ein Rückgang der Weltbevölkerung scheint in naher Zukunft möglich. Vor diesem Hintergrund wird derzeit eine lebhafte Debatte darüber geführt, wie man die Geburtenrate stimulieren könnte. Aber sind wenige Kinder wirklich ein gesellschaftliches Problem? Und wenn ja, wie könnte man dem entgegenwirken? Damit beschäftigt sich eine neue Studie (Mahler, Tertilt und Yum 2025).
Modellierung des Einflusses sozialer Vergleiche auf Fertilität
Klassische ökonomische Modelle nehmen an, dass sich Eltern für die Bildung ihrer Kinder interessieren, typischerweise weil mehr Bildung zu einem höheren Einkommen und größerem Nutzen führen wird. In unserem Modell interessieren sich Eltern zusätzlich dafür, wie die Bildung ihrer Kinder sich im Vergleich zur Bildung anderer Kinder verhält. Darüber hinaus entscheiden Eltern sowohl, wie viele Kinder sie haben möchten, als auch, wie viel sie in die Bildung ihrer Kinder investieren, unter Berücksichtigung ihrer beschränkten Ressourcen. Dadurch entsteht ein klassisches Abwägen zwischen Quantität und Qualität der Kinder. Zentrale Resultate dieser Modellierung sind zum einen, dass in Volkswirtschaften mit hoher Motivation für soziale Vergleiche, Investitionen in Bildung besonders hoch, die Fertilität jedoch geringer ist als in Volkswirtschaften ohne diese Anreize. Zweitens zeigt sich, dass, wenn Fertilität bedingt durch andere Faktoren sinkt, soziale Vergleiche dies noch verstärken. Drittens zeigt das Modell, dass ein erhöhtes Einkommen in einer Bevölkerungsgruppe Fertilität in anderen Gruppen sinken lassen kann. Durch die höheren Ausgaben jener Gruppe in die Bildung ihrer Kinder führen soziale Vergleiche nämlich dazu, dass auch andere Gruppen ihre Ausgaben für Bildung steigern und sich somit weniger Kinder leisten können.
Verschwenderische Ausgaben durch hohen Bildungswettbewerb
Obwohl Bildung in Form von Humankapital eine wichtige Form von Investitionen in zukünftige Generationen darstellen kann, befeuern soziale Vergleiche auch Ausgaben, die das Humankapital nur eingeschränkt fördern. Exzessive Ausgaben für außerschulischen Privatunterricht haben vor allem eine Signalwirkung. Die erwarteten erhöhten Chancen der Kinder, in selektive Privatschulen oder Eliteuniversitäten aufgenommen zu werden, treten womöglich gar nicht ein, wenn alle Eltern dies machen. Es kommt zu einer Aufwärtsspirale der privaten Bildungsausgaben, die dadurch höher als gesellschaftlich effizient werden. Ebenso kann das mentale Wohlbefinden der Kinder beeinträchtigt werden. Die Kehrseite von hohem Leistungsdruck und übermäßigem Lernen stellt dabei die verringerte Zeit der Kinder für andere Aktivitäten dar. Es reduziert die Zeit, die Kinder draußen verbringen sowie physische Aktivität aber auch den notwendigen Schlaf. All dies sind wichtige Indikatoren für eine gesunde Entwicklung. Zehnjährige, die bis Mitternacht an ihrem Bildungserfolg arbeiten, übertreiben dabei. Diese verschwenderischen Ausgaben sind möglicherweise in vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen, vor allem in Ostasien.
Empirische Evidenz
Anhand von Daten zeigt die Studie, dass Länder und Regionen mit größerer Motivation für soziale Vergleiche in der Tat mit einer geringeren Fertilitätsrate assoziiert sind. Als Proxy für soziale Vergleichsmotive wurden dabei verschiedene Variablen benutzt. Abbildung 1 zeigt zum Beispiel, dass Länder, in denen sich Eltern im Durchschnitt weniger Sorgen darum machen, ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen, auch höhere Fertilitätsraten vorweisen. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man Länder vergleicht, in denen Eltern eher zeitintensive Erziehungsmethoden bevorzugen, oder in denen Kinder häufiger an außerschulischen Lernaktivitäten teilnehmen. Formale Regressionsanalysen bestätigen dieses Bild: Höhere soziale Vergleichsmotive korrelieren in reichen Ländern negativ mit Fertilität.
Abbildung 1: Education Concerns (Bildungssorgen) werden anhand der Antworten zur Frage: "To what degree are you worried about the following situation – Not being able to give one’s children a good education?" gemessen. Für jedes Land wird das Jahr der neueste verfügbare Umfrage-Welle der WVS genommen, um die durchschnittliche Antwort auf diese Frage zu berechnen und mit Fertilität zu korrelieren. Es werden ausschließlich reiche Länder mit einer Bevölkerung von über 5 Millionen im Jahr 2020 berücksichtigt.
Quelle: Total Fertility Rates: World Development Indicators (WDI). Education Concerns: World Values Survey (WVS)
Darüber hinaus zeigt sich im Hinblick auf regionale Unterschiede in den USA, dass amerikanische Landkreise (US-Counties), deren Bewohner in sozialen Netzwerken mehr Freunde mit einem höheren sozioökonomischen Status haben, gemessen durch den Economic Connectedness (EC) Index, im Durschnitt niedrigere Geburtenraten aufweisen. Dieses Verhältnis ist grafisch in Abbildung 2 dargestellt. Vergleicht man beispielsweise einen Landkreis am 75. Perzentil des EC-Index (0,94) mit einem Landkreis am 25. Perzentil (0,70), so liegt die Geburtenrate um nahezu fünf Geburten pro 1.000 Frauen niedriger (53,6 gegenüber 58,4). Gleichzeitig ist die Geburtenrate auch insbesondere in den US-Bundesstaaten stärker gefallen, in denen der Wettbewerb um den College-Zugang, gemessen durch Zulassungsquoten und den Umfang der Studienvorbereitung, besonders stark gestiegen ist. Ein erhöhter Wettbewerb um gute Studienplätze scheint also Vergleichsmotive unter Eltern weiter zu verstärken und zusätzlichen Abwärtsdruck auf die Fertilität auszuüben.
Abbildung 2: Upward Social Connections (aufwärtsgerichtete soziale Kontakte) werden anhand des Economic Connectedness aus Chetty u. a. (2022) gemessen. Dieser Index wird auf Basis von Facebook-Nutzerdaten berechnet und entspricht dem Doppelten des Anteils von Freunden mit überdurchschnittlichem sozioökonomischem Status unter Nutzern mit unterdurchschnittlichem sozioökonomischem Status. Die dargestellten Daten beziehen sich auf das Jahr 2022. Berücksichtigt werden ausschließlich US-Counties mit mindestens 100.000 Einwohnern.
Quelle: Economic Connectedness: Chetty u. a. (2022). Geburtenraten: Centers for Disease Control and Prevention (CDC), National Center for Health Statistics.
Politische Implikationen
Das Modell zeigt, dass Bildungsexternalitäten zu einer ineffizienten Aufwärtsspirale der privaten Bildungsinvestitionen führen können, die zu einem Rückgang der Geburtenraten führen kann. Um dem entgegenzuwirken, müsste man private Bildungsausgaben eigentlich besteuern. Dies hört sich zunächst provokativ an. Tatsächlich haben verschiedene Länder in den letzten Jahren einen unterschiedlichen Umgang mit dem Bildungswettbewerb gewählt. In China beispielsweise wurden private gewinnorientierte “Tutoring”-Anbieter seit 2021 verboten. Korea auf der anderen Seite hat die Öffnungszeiten für solche Anbieter eingeschränkt. In Großbritannien wurde die Mehrwertsteuerbefreiung für Privatschulen im letzten Jahr gestrichen.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Bedeutung standardisierter Tests für den College-Zugang zu reduzieren. Kürzliche Änderungen in den amerikanischen “529 plans” (steuerbegünstigte Sparkonten für Bildungsausgaben) könnten allerdings in die entgegengesetzte Richtung wirken. Durch den “One big beautiful bill act” wurde die Klasse von Ausgaben, die unter die “529 plans” fallen, um außerschulische Nachhilfe und Gebühren für nationale standardisierte Tests, erweitert. Dies könnte also das Problem noch verschärfen. Auch der Einfluss von sozialen Medien auf den Anstieg sozialer Vergleiche sollte angesichts der Ergebnisse dieser Studie bei der Regulierung sozialer Medien berücksichtigt werden.
Kontakt: michele.tertilt(at)uni-mannheim.de
Zu den Autor:innen
Michèle Tertilt, PhD, ist Ökonomin und Professorin an der Universität Mannheim.
Lukas Mahler, PhD, ist Ökonom und Professor an der KU Leuven.
Literatur
Chetty, Raj; Jackson, Matthew O.; Kuchler, Theresa u. a. (2022): Social Capital I: Measurement and associations with economic mobility. In: Nature 608: S. 108–121. DOI: 10.1038/s41586-022-04996-4
Mahler, Lukas; Tertilt, Michele; Yum, Minchul (2025): Policy concerns in an era of low Fertility: The role of social comparisons and intensive parenting. Paris & London (CEPR Discussion Paper, 20767). cepr.org/publications/dp20767