Liebe in der zweiten Lebenshälfte
beziehungsweise 3/2026 – Artikel 1
Liebe in der zweiten Lebenshälfte
Paarbeziehungen als Ressource für das Wohlbefinden
Von Iris Wahring
Wenn wir an das mittlere und höhere Erwachsenenalter denken, dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung und auch in der wissenschaftlichen Forschung oft Themen wie Verlust oder Krankheit. Veränderungen in der zweiten Lebenshälfte werden insgesamt in der Öffentlichkeit als eher negativ wahrgenommen. Doch die demografische Realität zeigt ein weitaus vielfältigeres Bild. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, und mit ihr auch die Zahl der gesunden und aktiven Jahre, die Menschen nach ihrem fünfzigsten Geburtstag verbringen. Viele Menschen erleben heutzutage auch jenseits der 50 noch weitreichende Veränderungen in ihrem Beziehungsleben: Sie trennen sich, lassen sich scheiden, verlieben sich neu, ziehen mit neuen Partner:innen zusammen oder heiraten.
Trotz dieser Dynamik hat sich die Forschung zu Beziehungsübergängen in der zweiten Lebenshälfte bisher stark auf Verlustereignisse konzentriert. Der Verlust von Ehepartner:innen durch Verwitwung oder die Auswirkungen späterer Scheidungen standen im Fokus zahlreicher Studien. Sogenannte Gewinnereignisse wie das Finden einer neuen Liebe oder das Zusammenziehen wurden hingegen weniger untersucht. Am meisten wurde noch das Heiraten, oft mit Fokus auf die Eingehung einer zweiten Ehe, erforscht. Hier jedoch wurde häufig nicht differenziert, ob Paare bereits vor der Ehe zusammenwohnten oder im Zeitraum der Hochzeit auch zusammenzogen. Wie ein Forschungsteam um den Psychologen Michael Krämer von der Universität Zürich im Jahr 2024 aufzeigte, ist es essenziell, solche gleichzeitig stattfindenden Lebensereignisse gemeinsam zu betrachten, um Ergebnisse nicht zu verfälschen. In unserer Studie (Wahring u. a. 2026) zu Beziehungsübergängen im mittleren und höheren Erwachsenenalter wollten wir daher unter anderem genau diese Forschungslücke beleuchten, nämlich die Auswirkungen des Zusammenziehens im Vergleich zum Heiraten auf das Wohlbefinden in der zweiten Lebenshälfte.
Historischer Wandel der Beziehungen
Um die heutige Bedeutung von Beziehungsübergängen in der zweiten Lebenshälfte zu verstehen, müssen wir einen Blick auf den enormen gesellschaftlichen und historischen Wandel der letzten Jahrzehnte werfen. Wie die Soziolog:innen Susan Brown und Matthew Wright im Jahr 2017 in einer Studie darlegten, haben sich die Raten für Scheidungen in der zweiten Lebenshälfte in den vergangenen Jahrzehnten in den USA verdoppelt, wobei diese Trends in europäischen Ländern ähnlich sind. Gleichzeitig haben lebenslange Ehen an Selbstverständlichkeit verloren.
Parallel dazu hat das Zusammenleben ohne Trauschein einen bemerkenswerten Anstieg in der gesellschaftlichen Akzeptanz erfahren. War diese Beziehungsform vor einigen Jahrzehnten noch stigmatisiert und eher eine Ausnahmeerscheinung, so ist sie heute über alle Altersgruppen hinweg eine etablierte und respektierte Lebensform. Gerade für mittelalte und ältere Erwachsene bietet das Zusammenziehen ohne Heirat viele Vorteile. Es ermöglicht emotionale Nähe und gegenseitige Unterstützung im Alltag, ohne die komplexen finanziellen oder rechtlichen Verflechtungen einzugehen, die eine Eheschließung oft mit sich bringt. Dieser Wandel wirft eine spannende psychologische Frage auf: Braucht es heute noch den Trauschein für das späte Beziehungsglück, oder ist die geteilte Lebenswelt in einem gemeinsamen Haushalt der eigentliche Schlüssel zur Zufriedenheit?
Unsere Studie
Um die Auswirkungen von Beziehungsübergängen in der zweiten Lebenshälfte besser zu verstehen, haben wir Daten aus der US-amerikanischen Health and Retirement Study (HRS) analysiert. Diese groß angelegte Langzeitstudie begleitet Tausende von Menschen ab 50 Jahren sowie ihre Partner:innen durch regelmäßige Befragungen im Abstand von jeweils zwei Jahren. Themenbereiche der Befragungen sind unter anderem Gesundheit, Lebenssituation und Wohlbefinden. Für unsere Untersuchung haben wir die Daten von über 2.840 Teilnehmer:innen ausgewertet, die zwischen 2006 und 2022 an der Studie teilgenommen und dabei mindestens einen von drei Beziehungsübergängen erlebt haben. Die Teilnehmer:innen waren zwischen 30 und 95 Jahre alt. Zwar konzentrieren sich die zugrunde liegenden Daten auf Personen ab 50, durch die Berücksichtigung von Partner:innen gab es jedoch auch einige wenige Teilnehmende unter 50 Jahren. Zu den untersuchten Beziehungsübergängen zählten einerseits Trennungen, zu denen wir sowohl eheliche als auch uneheliche Trennungen zählten. Zum anderen untersuchten wir auch das Zusammenziehen und das Heiraten. Bei der Untersuchung des Heiratens differenzierten wir zudem, ob Personen vor der Ehe schon länger zusammengelebt hatten oder ob sie im Zeitraum der Eheschließung zusammenzogen. Unser Fokus lag dabei darauf, wie sich das Wohlbefinden entwickelt, wenn Personen diese Beziehungsübergänge erleben.
Eine Besonderheit unserer Studie war die Nutzung von Vergleichsgruppen, die keinen Beziehungsübergang erlebten. Wenn wir lediglich Personen untersuchen, die Beziehungsübergänge erleben, und bei ihnen Änderungen im Wohlbefinden beobachten, so wissen wir noch nicht, ob dies ein genereller Alterstrend im Wohlbefindensverlauf ist oder ob das auf die Beziehungsübergänge zurückzuführen ist. Daher haben wir Personen, die einen bestimmten Beziehungsübergang erlebt haben, mit passenden Kontrollgruppen verglichen. Diese Kontrollgruppen glichen den Gruppen, die einen Beziehungsübergang erleben, hinsichtlich ihrer Zusammensetzung bezogen auf Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Jedoch erlebten sie im selben Zeitraum keinen Beziehungsübergang, sondern ihr Beziehungsstatus blieb stabil. So nutzen wir für Personen, die eine Trennung erlebten, eine Kontrollgruppe von Personen, die konstant in einer Beziehung waren. Für Personen, die zusammenzogen, nutzten wir eine Kontrollgruppe von Personen, die konstant ohne Partner:in lebten, und bereits zusammenlebende Personen, die heirateten, verglichen wir mit Personen, die konstant mit einem:r Partner:in zusammenlebten, aber nicht heirateten. Durch diesen direkten Vergleich konnten wir die Veränderungen in der Lebenszufriedenheit und bei depressiven Symptomen untersuchen, die sich tatsächlich im Zuge der Beziehungsübergänge ergaben.
Zusammenziehen als Wohlbefindensbooster
Der Umzug in einen gemeinsamen Haushalt ging durchschnittlich mit einem klaren Anstieg der Lebenszufriedenheit einher. Dieser positive Effekt zeigte sich bei Männern und Frauen gleichermaßen und war unabhängig vom genauen Alter der befragten Personen. Das Teilen des Alltags, die ständige Verfügbarkeit einer vertrauten Person und die gemeinsame Gestaltung des Wohnraums scheinen also wesentliche Ressourcen für ein erfülltes Leben in der zweiten Lebenshälfte zu sein.
Grafik 1: Die Auswirkung des Zusammenziehens auf die Lebenszufriedenheit
Anmerkungen: Die kleinen Linien auf den Säulen (die sogenannten Fehlerbalken) zeigen die statistische Schwankungsbreite an. Sie verdeutlichen, wie sicher wir uns bei diesem Mittelwert sein können – je kürzer der Strich, desto verlässlicher ist das Ergebnis. Die Lebenszufriedenheit wurde zur besseren Vergleichbarkeit in ein standardisiertes Format, den sogenannten "T-Wert", umgerechnet. Ein T-Wert von 50 entspricht hierbei dem Mittelwert der zugrunde liegenden Gesamtstichprobe der Langzeitstudie aus den USA. So können wir davon ausgehen, dass Werte unter 50 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine unterdurchschnittliche Lebenszufriedenheit widerspiegeln, und Werte über 50 einer überdurchschnittlich hohen Lebenszufriedenheit entsprechen. Es gab jeweils 372 Teilnehmende in der zusammenziehenden Gruppe ("Zusammenzug mit einem:r Partner:in") sowie in der Vergleichsgruppe ohne Zusammenziehen ("Dauerhaft Single", da im Panel Personen als Single gezählt werden, wenn sie weder mit einem:r Partner:in zusammenwohnen noch verheiratet sind). Es zeigte sich, dass das Zusammenziehen mit einem deutlichen Anstieg der Lebenszufriedenheit verbunden war – unabhängig von Alter und Geschlecht.
Ein weiteres Ergebnis unserer Untersuchung: Wenn Paare, die bereits zusammenlebten, heirateten, zeigte sich kein zusätzlicher Anstieg in der Lebenszufriedenheit. Die Eheschließung an sich brachte für diese Personen keinen messbaren psychologischen Mehrwert mehr. Wenn das Zusammenziehen und die Hochzeit im selben Zeitraum stattfanden, stieg die Lebenszufriedenheit zwar ebenfalls an; dieser Anstieg glich jedoch dem, den Paare erlebten, die lediglich zusammenzogen, ohne zu heiraten.
Grafik 2: Die Auswirkung von gleichzeitiger Eheschließung und Zusammenziehen auf die Lebenszufriedenheit
Anmerkungen: Die kleinen Linien auf den Säulen (die sogenannten Fehlerbalken) zeigen die statistische Schwankungsbreite an. Sie verdeutlichen, wie sicher wir uns bei diesem Mittelwert sein können – je kürzer der Strich, desto verlässlicher ist das Ergebnis. Die Lebenszufriedenheit wurde zur besseren Vergleichbarkeit in ein standardisiertes Format, den sogenannten "T-Wert", umgerechnet. Ein T-Wert von 50 entspricht hierbei dem Mittelwert der zugrunde liegenden Gesamtstichprobe der Langzeitstudie aus den USA. So können wir davon ausgehen, dass Werte unter 50 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine unterdurchschnittliche Lebenszufriedenheit widerspiegeln, und Werte über 50 einer überdurchschnittlich hohen Lebenszufriedenheit entsprechen. Es gab jeweils 200 Teilnehmende in der Gruppe, die zusammenzog und heiratete ("Heirat und Zusammenzug mit einem:r Partner:in"), sowie in der Vergleichsgruppe ohne diesen Beziehungsübergang ("Dauerhaft Single", da im Panel Personen als Single gezählt werden, wenn sie weder mit einem:r Partner:in zusammenwohnen noch verheiratet sind). Es zeigte sich, dass das gleichzeitige Zusammenziehen und Heiraten mit einem deutlichen Anstieg der Lebenszufriedenheit verbunden war – unabhängig von Alter und Geschlecht.
Dieses Ergebnis untermauert eindrucksvoll den zuvor beschriebenen historischen Wandel. Die institutionelle Form der Paarbeziehung hat für das tägliche emotionale Erleben in der heutigen Zeit an Relevanz verloren. Die essenziellen psychologischen Bedürfnisse nach Intimität, Sicherheit und Austausch werden durch die Qualität der Beziehung und das gemeinsame Leben erfüllt, unabhängig davon, ob ein formeller Ehevertrag vorliegt. Diese Erkenntnis ist besonders für die Beratungspraxis und die Familienpolitik von großer Bedeutung, da sie zeigt, dass nicht-traditionelle Lebensformen in der zweiten Lebenshälfte denselben Schutz und denselben Nutzen für das Wohlbefinden bieten können.
Beziehungsstart oder gemeinsamer Haushalt
Bei der Interpretation dieser positiven Effekte des Zusammenziehens müssen wir jedoch eine wichtige Einschränkung unserer Datenquelle berücksichtigen. In vielen großen Befragungen, darunter auch in den von uns genutzten Daten, ist die Erfassung des genauen Beziehungsstatus oft eingeschränkt. Personen, die weder verheiratet sind noch in einem gemeinsamen Haushalt mit jemandem leben, werden in den Datensätzen oft schlicht als Singles klassifiziert. Das bedeutet, dass Menschen, die eine feste Liebesbeziehung haben, aber in getrennten Wohnungen leben, statistisch nicht von echten Singles unterschieden werden können.
Wenn wir also herausfinden, dass das Zusammenziehen mit einem Anstieg der Lebenszufriedenheit einhergeht, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, worauf dieser Effekt genau zurückzuführen ist. Es könnte sein, dass diese Personen bereits seit Jahren ein Paar sind und der reine Akt des Umzugs in eine gemeinsame Wohnung den Zufriedenheitsschub ausgelöst hat. Es ist jedoch ebenso gut möglich, dass diese Personen erst kurz zuvor eine neue Liebe gefunden haben und relativ zügig zusammengezogen sind. In diesem Fall würden wir nicht nur den Effekt des gemeinsamen Wohnens messen, sondern auch den des frischen Verliebtseins und des Eingehens einer neuen Partnerschaft. Studien zu vor allem jüngeren Altersgruppen, die in einer Meta-Analyse der Psychologin Janina Bühler und Kolleg:innen aus dem Jahr 2024 zusammengefasst wurden, zeigen, dass das Eingehen einer neuen Beziehung selbst mit einem Anstieg der Lebenszufriedenheit einhergeht. Ebenso wie das Zusammenleben als Beziehungsform in der heutigen Forschung zur zweiten Lebenshälfte stärker berücksichtigt wird als in den letzten Jahrzehnten, sollten auch Beziehungsformen ohne Zusammenleben in Zukunft stärker berücksichtigt werden.
Trennungen in der zweiten Lebenshälfte
Neben den Anfängen von Beziehungen haben wir uns in unserer Studie auch den Endpunkten gewidmet. Der Verlust der Partnerin oder des Partners durch eine Trennung gilt oft als ein sehr negatives Lebensereignis. Es liegt nahe zu vermuten, dass ein solches Ereignis im fortgeschrittenen Alter, wenn die sozialen Netzwerke ohnehin schon oft etwas kleiner werden, zu einem drastischen Einbruch der Lebenszufriedenheit und einem Anstieg depressiver Symptome führt.
Unsere durchschnittlichen Ergebnisse zeichneten jedoch ein überraschend widerstandsfähiges Bild der Betroffenen. Wenn wir alle Personen betrachteten, die eine Trennung durchlebt hatten, zeigte sich im Durchschnitt kein Einbruch des psychischen Wohlbefindens im Vergleich zu jenen Personen, die in stabilen Beziehungen verblieben. Einerseits könnte dies daran liegen, dass die Beziehungen, die in Trennungen endeten, bereits seit einigen Jahren von niedrigerer Qualität geprägt waren, etwa, weil sich die Partner:innen schon länger auseinandergelebt hatten. So könnte die Trennung von einigen der Teilnehmer:innen eher als befreiend erlebt worden sein.
Die durchschnittliche ausbleibende negative Langzeitwirkung von Trennungen bedeutet jedoch nicht, dass die Trennung nicht für viele Personen auch schmerzhaft war. Der akute Schmerz in den Wochen und Monaten unmittelbar nach dem Beziehungsende, den einige Teilnehmende möglicherweise erlebten, wird von unserer Studie, bei der Teilnehmende in Abständen von zwei Jahren befragt wurden, schlichtweg nicht präzise abgebildet. Doch die Daten deuten darauf hin, dass viele Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter eine bemerkenswerte psychologische Resilienz besitzen. Sie passen sich den neuen Lebensumständen an und finden Wege, ihre Lebenszufriedenheit auf einem stabilen Niveau zu halten.
Fazit
Zusammenfassend zeigt sich, dass das Beziehungsleben in der zweiten Lebenshälfte heute für viele Personen reich an Veränderungen ist und diese Übergänge das Wohlbefinden unterschiedlich stark prägen. Die späte Liebe und das Zusammenziehen haben eine deutlich positive Auswirkung auf die Lebenszufriedenheit. Das Heiraten unter Zusammenwohnenden sowie Trennungen wirken sich hingegen durchschnittlich weder positiv noch negativ auf das Wohlbefinden aus. Unsere Forschung unterstreicht, dass neue Beziehungen in der zweiten Lebenshälfte eine wichtige Ressource für unser Wohlbefinden sein können.
Kontakt: iris.wahring(at)univie.ac.at
Zur Autorin
Dr. Iris V. Wahring ist Universitätsassistentin am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung an der Universität Wien. Ihre wissenschaftliche Arbeit fokussiert sich auf Paarbeziehungen und Freundschaften über die Lebensspanne.
Literatur
Brown, Susan L.; Wright, Matthew R. (2017): Marriage, cohabitation, and divorce in later life. In: Innovation in Aging 1 (2). DOI: 10.1093/geroni/igx015
Bühler, Janina Larissa; Orth, Ulrich; Bleidorn, Wiebke; Weber, Elisa; Kretzschmar, André; Scheling, Louisa; Hopwood, Christopher J. (2024): Life events and personality change: A systematic review and meta-analysis. In: European Journal of Personality 38 (3), S. 544–568. DOI: 10.1177/08902070231190219
Krämer, Michael D.; Rohrer, Julia M.; Lucas, Richard E.; Richter, David (2024): Life events and life satisfaction: Estimating effects of multiple life events in combined models. In: European Journal of Personality 39 (1), S. 3–23. DOI: 10.1177/08902070241231017
Wahring, Iris V.; Ghose, Urmimala; Hoppmann, Christiane A.; Ram, Nilam; Gerstorf, Denis (2026): Relationship transitions and well-being in middle-aged and older men and women. In: International Journal of Behavioral Development. DOI: 10.1177/01650254261419712
KI-Erklärung
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