Kinderinduzierte Transferleistungen in Österreich
beziehungsweise 3/2026 – Artikel 3
Kinderinduzierte Transferleistungen in Österreich
Analyse für das Jahr 2025
Von Franz Prettenthaler, Judith Köberl und Sabrina Dreisiebner-Lanz
Die Familie erfüllt eine Vielzahl an Funktionen, darunter die Sicherung des Weiterbestandes der Gesellschaft, die Stillung der Grundbedürfnisse der Kinder sowie die Sorge um deren Erziehung und Entwicklung. Die finanzielle Mehrbelastung, die Eltern aufgrund ihrer Unterhaltspflicht gegenüber ihren Kindern durch deren Ernährung, Bekleidung, häusliche Unterbringung und Erziehung entsteht, wird durch spezifische Transferleistungen seitens der öffentlichen Hand ausgeglichen beziehungsweise abgefedert. Für 2021 wurden erstmals die kinderinduzierten Transfers in Österreich mittels Modellsimulationen ausgewertet (Prettenthaler u. a. 2022), mit dem Ziel, den Beitrag der öffentlichen Hand zur Deckung der Kosten, die in privaten Haushalten durch Kinder entstehen, zu erheben und hinsichtlich der Verteilungsgerechtigkeit zwischen unterschiedlichen Haushaltsformen zu analysieren. Als “kinderinduziert” gelten dabei Transfers, die sich durch die Anwesenheit von Kindern im Haushalt ergeben. Das Konzept der kinderinduzierten Transferleistungen berücksichtigt somit sowohl explizit kinderbezogene Transfers als auch Transfers, deren Berechnungsgrundlage durch Kinder im Haushalt beeinflusst wird. Seit Erstellung der ersten Studie wurde die Analyse alle zwei Jahre aktualisiert (Prettenthaler u. a. 2023, 2025). Die folgenden Ausführungen fassen die Ergebnisse der jüngsten Aktualisierung zusammen.
Methoden
Die Analyse basiert auf einem Simulationsmodell zur Abbildung des österreichischen Steuer- und Transfersystem auf regionaler Ebene, mit dessen Hilfe sich die Höhe der Steuern, Abgaben und projektrelevanten Transferleistungen für unterschiedliche Haushaltskonstellationen berechnen lassen. Dabei wird für jede betrachtete Haushaltskonstellation und Einkommensstufe ein so genanntes Steuer- und Transferkonto erstellt. Die simulierten Steuer- und Transferkonten umfassen insgesamt zwei Erwachsenenkonstellationen, 79 Kinderkonstellationen, drei Einkommensverteilungen, zwei Betreuungsvarianten und neun regionale Verortungen, die zu 3.546 Haushaltskonstellationen kombiniert werden, sowie 210 Einkommensstufen an Bruttohaushaltserwerbseinkünften. Daraus ergeben sich 744.660 einzelne, voneinander unabhängige Simulationen von Steuer- und Transferkonten. Zur Ableitung der kinderinduzierten Transfers wird jeder Haushaltskonstellation mit Kindern ein entsprechender Vergleichs- beziehungsweise Referenzhaushalt ohne Kinder gegenübergestellt.
Berücksichtigung finden Transferleistungen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene, die auf Kinder als Begünstigte abzielen oder deren Bezugsmöglichkeit und Höhe durch die Anwesenheit von Kindern im Haushalt beeinflusst wird. Relevant sind sowohl direkte monetäre Zuschüsse als auch reale Transferleistungen in Form von Beitragsbefreiungen oder reduzierten Tarifen, die bei Anwesenheit von Kindern im Haushalt gewährt werden. Reale Transferleistungen werden allerdings nur dann berücksichtigt, wenn sie universellen Voraussetzungen unterliegen und einkommensgeprüft sind und so eine Anreiz- oder Umverteilungswirkung implizieren. Nicht berücksichtigt werden hingegen allgemeine Gratisleistungen, Leistungen ohne Allgemeinheitscharakter sowie temporär aufgrund spezifischer Ereignisse wie der Teuerung eingeführte beziehungsweise abgeänderte Transferleistungen.
Für die Ergebnisdarstellung wird die Fülle an simulierten Steuer- und Transferkonten beziehungsweise daraus abgeleiteten kinderinduzierten Transfers mittels einer gewichteten Durchschnittsbildung über vier unterschiedliche Dimensionen zusammengefasst (siehe Abbildung 1). Aus dieser Durchschnittsbildung ergeben sich aggregierte Ergebnisse getrennt für Paarhaushalte und Alleinerziehenden-Haushalte sowie differenziert nach der Anzahl der Kinder im Haushalt. Für Haushalte mit einem Kind stehen zusätzlich Auswertungen nach Altersklassen zur Verfügung.
Abbildung 1: Durchschnittsbildung über die simulierten Haushaltskonstellationen
Kinderinduzierte Transfers im Analysejahr 2025
Unter Ausschöpfung aller zustehenden Leistungen belaufen sich die kinderinduzierten Transfers für Paarhaushalte mit ein bis vier Kindern in der Altersspanne von 1 bis 24 Jahren je nach Einkommensdezil und Kinderanzahl durchschnittlich auf rund 425 Euro bis 770 Euro pro Kind und Monat (Abbildung 2). Alleinerziehenden-Haushalte erhalten demgegenüber mit rund 460 Euro bis 970 Euro pro Kind und Monat über alle Einkommensdezile hinweg durchwegs höhere durchschnittliche kinderinduzierte Transfers (Abbildung 3). Bei Paaren ergeben sich für Haushalte im ersten Einkommensdezil, bei Alleinerziehenden für Haushalte im zweiten Dezil die höchsten kinderinduzierten Transfers. Getrennt nach Kinderanzahl betrachtet entfallen im untersten Einkommensdezil (Paare) beziehungsweise den unteren fünf Einkommensdezilen (Alleinerziehende) die höchsten kinderinduzierten Transfers pro Kind auf Haushalte mit einem einzigen Kind, in den darüber liegenden Dezilen hingegen auf Haushalte mit vier Kindern.
Abbildung 2: Durchschnittliche kinderinduzierte Transfers pro Kind als Jahreszwölftel je Dezil der Bruttoerwerbseinkünfte für Paarhaushalte mit 1 bis 4 Kindern im Alter zwischen 1 und 24 Jahren, in Euro – Analysejahr 2025
Quelle: Prettenthaler
Abbildung 3: Durchschnittliche kinderinduzierte Transfers pro Kind als Jahreszwölftel je Dezil der Bruttoerwerbseinkünfte für Alleinerziehenden-Haushalte mit 1 bis 4 Kindern im Alter zwischen 1 und 24 Jahren, in Euro – Analysejahr 2025
Quelle: Prettenthaler
Deutliche Unterschiede in der Höhe der kinderinduzierten Transfers gibt es zum Teil auch über die Altersklassen hinweg. Je nach Einkommensdezil kann dabei die Differenz zwischen den betrachteten Altersklassen bis zu rund 345 Euro im Monat betragen. In Paarhaushalten entfallen in den untersten Einkommensdezilen die höchsten Transfers auf die Altersklasse der 20- bis 24-Jährigen, in den mittleren Dezilen auf die 1- bis 5-Jährigen und in den obersten Dezilen auf die 10- bis 14-Jährigen. Alleinerziehende erhalten hingegen im ersten Einkommensdezil die höchsten kinderinduzierten Transfers für die Altersklasse der 1- bis 5-Jährigen, im zweiten Dezil für die Altersklasse der 15- bis 19-Jährigen und ab dem dritten Dezil für die Altersklasse der 20- bis 24-Jährigen.
Insgesamt sind die dargestellten Ergebnisse das Resultat eines zum Teil komplexen Zusammenspiels verschiedenster Transferleistungen, die sich auf regionaler Ebene mitunter deutlich unterscheiden können.
Kinderinduzierte Transfers über die Zeit
Gemäß den aggregierten Simulationsergebnissen können im Analysejahr 2025 über weite Teile des Einkommensspektrums gegenüber 2021 und 2023 reale Zugewinne in den kinderinduzierten Transfers verzeichnet werden. Dies betrifft insbesondere die unteren Einkommensdezile, während in den mittleren und oberen Dezilen gegenüber vorangegangenen Analysejahren zum Teil auch reale Rückgänge zu beobachten sind. Gemittelt über die ersten neun Einkommensdezile sind die kinderinduzierten Transfers je nach betrachteter Erwachsenenkonstellation sowie Anzahl und Altersklasse der Kinder und bereinigt um die Inflation um 3,1 Prozent bis 20,5 Prozent gegenüber 2021 gestiegen (Tabelle 1). Gegenüber 2023 beträgt der reale Anstieg im Mittel zwischen 3,1 Prozent und 17,7 Prozent, wenn der Effekt der damals temporär implementierten Anti-Teuerungsmaßnahmen außer Acht gelassen wird. Bei Berücksichtigung der 2023 wirkenden temporären Maßnahmen beläuft sich der reale Zuwachs hingegen auf 0,3 Prozent bis 8,6 Prozent.
Zur Sicherung der Wertstabilität über die Zeit trägt insbesondere die Anfang 2023 eingeführte jährliche Valorisierung vieler Familienleistungen innerhalb und außerhalb des Steuersystems bei. Darüber hinaus leisten unter anderem Anpassungen beim Kindermehrbetrag und Anhebungen beim Familienbonus Plus Anfang 2022 und 2024, die Erhöhung und Ausweitung des Schulstartpakets im Schuljahr 2023/24, die Reformierung der Studienbeihilfe im Herbst 2022 oder die 2025 erfolgte Einführung des Kinderzuschlags einen Beitrag dazu, dass über viele Einkommensbereiche reale Zuwächse zwischen den Analysejahren zu verzeichnen sind beziehungsweise sich reale Einbußen vergleichsweise in Grenzen halten.
Tabelle: Prozentuelle Änderung in den kinderinduzierten Transfers 2025 gegenüber den Analysejahren 2021 und 2023 für ausgewählte aggregierte Haushaltstypen, jeweils gemittelt über die ersten neun Einkommensdezile (inflationsbereinigt – in Preisen 2025)
Anmerkung: Jeder aggregierte Haushaltstyp repräsentiert den gewichteten Durchschnitt über dutzende bis hunderte spezifische Familienkonstellationen der angeführten Erwachsenenkonstellation, Kinderanzahl und Altersspanne der Kinder, die sich in Bezug auf Wohnort, konkretes Alter der Kinder innerhalb der angeführten Altersspanne und im Falle von Paarhaushalten auch hinsichtlich Einkommensverteilung zwischen den Erwachsenen und Betreuungsausmaß der Kinder unterscheiden.
Quelle: Prettenthaler
In den nächsten Jahren stehen aus Gründen der Budgetkonsolidierung Aussetzungen bei der Valorisierung und in einigen Bereichen auch Kürzungen von Transferleistungen an. Wie stark sich diese Maßnahmen schlussendlich auf die kinderinduzierten Transfers und deren Wertstabilität über die Zeit auswirken werden, hängt mitunter auch von der weiteren Entwicklung der Teuerung ab und wird Gegenstand der Aktualisierung der vorliegenden Analysen für das Jahr 2027 sein.
Kontakt: franz.prettenthaler(at)joanneum.at
Zu den Autor:innen
Dr. Franz Prettenthaler ist Direktor des Instituts für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft (LIFE) der JOANNEUM RESEARCH. Er studierte Umweltsystemwissenschaften mit Volkswirtschaftslehre in Graz, Philosophie in St. Andrews und Finanzwissenschaften in Paris. Als Wirtschafts- und Umweltsystemwissenschaftler sind ihm Forschungsprojekte, die Umwelt- und Klimaschutz mit Wirtschaftlichkeit und sozialen Aspekten gut in Einklang bringen, ein besonderes Anliegen. Der Publikationsschwerpunkt liegt im Bereich Klimarisikomanagement und Transfersysteme, als Essayist schreibt er auch zu gesellschaftspolitischen Themen.
Mag.a Judith Köberl ist Umweltökonomin und stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Wetter- und Klimarisikomanagement am Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft (LIFE) der JOANNEUM RESEARCH. Neben der ökonomischen Analyse von Wetter- und Klimarisiken sowie der sozio-ökonomischen Bewertung von Klimawandelfolgen und Adaptionsmaßnahmen beschäftigt sie sich auch mit (kinderbezogenen) Steuer- und Transferleistungen.
DIin (FH) Sabrina Dreisiebner-Lanz, MSc ist Agrarwissenschaftlerin am Institut für Klima, Energiesysteme und Gesellschaft (LIFE) der JOANNEUM RESEARCH. Neben ihren Arbeitsschwerpunkten im Bereich der Klimawandelanpassung, der Erhebung und Generierung sozioökonomischer Daten in der Landwirtschaft und weiterer landwirtschaftlicher Fragestellungen beschäftigt sie sich auch mit (kinderbezogenen) Steuer- und Transferleistungen.
Literatur
Prettenthaler, Franz; Winkler, Claudia; Dreisiebner-Lanz, Sabrina; Eisner, Anna; Kernitzkyi, Michael; Köberl, Judith; Seebauer, Sebastian; Simbürger, Markus (2022): Analyse der Transferleistungen zur Unterstützung von Haushalten mit Kindern in Österreich. Methodik und Gesamtergebnisse. Graz: Joanneum Research, LIFE – Institut für Klima, Energie und Gesellschaft. LINK
Prettenthaler, Franz; Köberl, Judith; Dreisiebner-Lanz, Sabrina; Winkler, Claudia (2023): Update zur Analyse der Transferleistungen zur Unterstützung von Haushalten mit Kindern in Österreich – Methodik und Gesamtergebnisse für das Analysejahr 2023. Graz: Joanneum Research, LIFE – Institut für Klima, Energie und Gesellschaft. LINK
Prettenthaler, Franz; Köberl, Judith; Dreisiebner-Lanz, Sabrina; Winkler, Claudia (2025): Update zur Analyse der Transferleistungen zur Unterstützung von Haushalten mit Kindern in Österreich – Methodik und Gesamtergebnisse für das Analysejahr 2025. Graz: Joanneum Research, LIFE – Institut für Klima, Energie und Gesellschaft. LINK